Spiritualität und christliche Patientenverfügung – Medizinethik im Graubereich? :|

In einem Interview von Evangelisch.de (aus dem Verlagsumfeld des Magazins chrismon) zum Thema Medizin und Religion wird auch die christliche Patientenverfügung thematisiert. Diese wurde vor gut 10 Jahren von der Evangelischen Kirche Deutschlands zusammen mit der Deutschen Bischofskonferenz entwickelt und seitdem von beiden Kirchen gemeinsam herausgegeben.

Die folgenden Antworten stammen von Dr. Thomas Hagen, Pastoralreferent, Fachreferent für Palliativ Care der Erzdiözese München und Freising. Er ist an der Schnittstelle zwischen Medizin, Religion und Spiritualität tätig.

Evangelisch.de: Bei Spiritus denken die einen an ein Reinigungsmittel, die anderen an den spiritus sanctus. Gleichzeitig ist Spiritualität ein Modebegriff in Managerschulungen oder der Medizin. Worum geht es da eigentlich? ...

Thomas Hagen: Spiritus ist der Geist. Was ist dieser Geist? ... In der Medizin sehen wir, dass die spirituelle Dimension eine große Rolle spielt.

Evangelisch.de: Aber in der Praxis der Gerätemedizin wird doch nicht mal die Aussage des Patienten beachtet, geschweige denn seine seelische Befindlichkeit?

Thomas Hagen: Diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt es. Aber sie wird zusehends thematisiert, auch in der Medizin. Die Ärzte wissen, dass Befunde nicht den ganzen Menschen abbilden ...

Evangelisch.de: Müssen nicht auch die Kirchen dazu lernen? Wenn ich mich an die Debatte um die christlichen Patientenverfügungen erinnere, dann wurde darin ein Bild von natürlichen Vorgängen am Lebensende gezeichnet, das es in der Realität so gar nicht mehr gibt – im Angesicht der Hochleistungsmedizin.

Thomas Hagen: Es geht hier um einen Dialog zwischen Kirchen und Medizin. ... Da geht es nicht um Ergebnisse, sondern um ein Ringen um Wahrheit. Denn bei den meisten ethischen Dilemmata am Lebensende haben wir einen Graubereich ... “

AOK entfernt Linktipp auf christliche PV

Nun soll ja gerade das Instrument der Patientenverfügung – seit 1.9.2009 auf gesetzlicher Grundlage – Licht in diesen Graubereich der (intensiv-)medizinischen Behandlung bringen. Doch so versteht sich die christliche PV offensichtlich selbst nicht, sondern als – insofern legitimen - Ausdruck des spirituellen, göttlichen Getragenseins gemäß dem Ideal eines natürlichen Sterbeverlaufs .

Folgerichtig führt die christliche Patientenverfügung - missverstanden als Entscheidungs-Instrument – dann vermehrt zu Verwirrung statt zur Klärung. Das Kölner Sterbehilfe-Urteil gegen den Schwiegersohn einer 82jährigen, welches auf der vorgelegten Christlichen PV basiert, führt die Dramatik vor Augen.

Die große Krankenversicherung AOK hat auf ihrer Internetseite nach dem Urteil Konsequenzen gezogen. Sie hat die Link-Empfehlung zur Christlichen PV jetzt entfernt – auf nachdrückliches Hiweisen v. a. dieses pv-newsletters.

Das Urteil hat darüber hinaus zu Aufrufen geführt, sich unbedingt die eigene PV, auch und gerade die im Rahmen einer notariellen Vorsorge, genau anzusehen.

Siehe: patientenverfuegung.de/vorsorge-check

Oder: http://www.aerzteblatt.de